Wege aus der Ermahnungsgebetsmühle

Deutsche legen Wert auf Disziplin in der Erziehung. Sonst noch was?

Laut einer aktuellen Information, die über den Nachrichtendienst dpa verteilt wurde, geht aus einer repräsentativen Umfrage der GfK-Marktforschung hervor, dass den Deutschen Disziplin und Pflichtbewusstsein bei der Erziehung besonders wichtig ist: “Mehr als neun von zehn (94 Prozent) sind der Meinung, dass diese Werte eine Rolle spielen sollten.” Und weiter im Text: “Fast jeder Neunte (88 Prozent) findet, dass Kinder lernen müssten, sich unterzuordnen. Genauso viel Wert legen die Deutschen bei der Erziehung auf Sparsamkeit (92 Prozent). Sie ist damit wichtiger als Religion: Dass Eltern ihren Kindern den Glauben an Gott vermitteln sollen, gaben nur sechs von zehn (61 Prozent) der Befragten an. Im Auftrag des Gesundheitsmagazins “Baby und Familie” befragte die GfK-Marktforschung 1942 Personen ab 14 Jahren.”

Ich hätte mir gerne die komplette Studie angeschaut, der Anteil der Eltern unter den Befragten ist mir nicht bekannt. (Man bekommt ja gerne mal von seinem Umfeld gesagt, man hätte seine Kinder nicht im Griff.)

Was mich aber an einer solchen Um- oder Abfrage stört sind die sehr dünnen Begriffe wie “Disziplin” und “Pflichtbewusstsein”, die gerne in einem Atemzug mit “verwöhnt” und “vorlaut” genannt werden. Ich finde, dass solche Kategorien nicht für sich alleine stehen können. Wer mal versucht hat seine Kinder konsequent zu disziplinieren, kommt irgendwann an einen Punkt, an dem er sich zwangsläufig zum Vollidioten macht. Ich kann jeden Tag darauf bestehen, dass der Tisch abgeräumt, das Zimmer aufgeräumt, die Hausschuhe angezogen und der Salat gegessen werden soll, und dann merke ich irgendwann, dass meine Kommunikation mit meinen Kindern zu einem großen Teil nur noch aus Ermahnungen besteht. Der Ton tut dabei sein Übriges zur Stimmung. Es gibt natürlich auch friedliche, durchdachtere Methoden, Ordnung ins Familienleben zu bringen, aber dazu braucht es die Disziplin der Eltern. Deshalb gehe ich mal davon aus, dass die Ermahnungsgebetsmühle das am weitesten verbreitete Modell ist.

Was ich damit sagen möchte: Disziplin und Pflichtbewusstsein sind Werte, die sich wunderbar zum Vorleben eignen. Im Verbund mit Vertrauen, Mitgefühl und Respekt sind es sicher die wichtigsten Größen für das Zusammenleben, egal ob in Familie, Gemeinde oder Staat. Einfach darauf zu Bestehen, führt zu nicht viel Gutem, denn es geht oft auf Kosten der Selbstbestimmung des Menschen, der “diszipliniert” werden soll.

Der Schlüssel zu einer gesunden und starken Persönlichkeit liegt unter anderem darin, in welchem Maße wir unsere Zufriedenheit von den Meinungen anderer abhängig machen. Meine selbstverständlichen Pflichten gegenüber meiner Umgebung sollten nicht in einem großen Maße aus dem Beweggrund erfüllt werden, meine Umgebung dahingehend zufrieden zu stellen. Das kann ja auch mal der Fall sein (und Kinder freuen sich auch über Bestätigung), aber wenn Vertrauen, Respekt, Disziplin und Pflichterfüllung an sich schon ein überwiegend positives Grundrauschen im Leben eine Kindes darstellen, kann man sich die ein oder anderen mahnenden Worte erfahrungsgemäß sparen.

Nein, zu den 92 Prozent, die auf Erziehung zur Sparsamkeit stehen, sage ich jetzt nichts.


Über Bernhard Lermann

Wohnt bei München und beobachtet die Bewohner des Speckgürtels. Seine beiden Kinder gehen mittlerweile gerne in die Schule, haben aber noch nicht ganz verstanden, was ihr Vater arbeitet.

29. Oktober 2010 von Bernhard Lermann
Kategorien: Erziehung, Familie, Featured, News | Schlagwörter: , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Grundsätzlich kann man wohl nur das verlangen, was man auch vorlebt. (Es sei denn es gelingt einem die Süßigkeiten heimlich zu essen;-))

  2. Hinter klassischen Werten stehen häufig Versagensängste, denn Eltern erfahren oft nicht erst nach den ersten “schwierigen” Phasen ihrer frühkindlichen Sprösslinge, dass Erziehung auch bedeutet, das Unkontrollierbare zu managen. Stolz für den eigenen Kopf des Kindes als Ausdruck einer eigenen Persönlichkeit zu empfinden, ist nicht immer einfach, jedoch häufig die bessere Alternative.

  3. Volle Zustimmung! Diese ewige Ermahnungsorgie bringt einen nicht wirklich weiter. Soll das Kind sich eines Tages erinnern, dass seine Eltern die ganze Zeit nur gemeckert haben? Mehr Entspanntheit ist vonnöten. Ordnung kann ab einem gewissen Punkt in Leblosigkeit umschlagen. Der Zwang zum täglichen Salat kann dazu führen, dass das Kind im Erwachsenenalter Salat verabscheut. Weniger Erziehung und einfach mehr LEBEN, das dürfte die Lösung sein. Auch ein Kind sollte zuhause die Möglichkeit haben, einfach entspannt zu sein, ohne Angst, dass das nächste Donnerwetter um die Ecke schon wieder wartet.

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