Verbraucherschutz braucht mehr Netzpower und weniger Politiker
Frank Plasberg hatte gestern Abend bei “Hart aber Fair” zum Thema Verbraucherschutz eingeladen (mittlerweile auch im ARD Web-TV zu sehen). Oder mit seinen Worten: “Ich wette mit Ihnen, dass Sie diese Woche schon mal richtig verarscht worden sind.” Die Wette hat er wohl gewonnen. In letzter Zeit mehren sich die sogenannten “verdeckten Preiserhöhungen”. So liegt der Philadelphia-Käse neuerdings in einer ovalen Packung im Kühlregal, der Preis ist geblieben, aber effektiv um 14 Prozent gestiegen. Anderes Beispiel: Pampers packt nur noch 40 statt 44 Windeln in die Packung = 10 Prozent “verschleierte” Preissteigerung. Schuld daran ist die kürzlich ins Rennen gebrachte Freigabe der Verpackungsgrößen, die nicht nur Verpackungsdesigner vor neue Herausforderungen stellt, sondern auch den Konsumenten.

Thilo Bode, foodwatch
Studiogast Thilo Bode, Gründer der Verbraucherschutzorganisation “Foodwatch”, beschwert sich zurecht, dass man Käufergruppen wie ältere Menschen, Kinder (und meiner Meinung nach auch Eltern), nicht zumuten sollte, mit der Lupe einkaufen zu gehen. Beim Kauf von Lebensmitteln spielt das Vertrauen zum Produkt eine große Rolle. Klaus Kocks, PR- und Kommunikationsberater, stellt dazu fest: “Produktverpackungen sind Werbung und keine Information. Nur Idioten fallen darauf herein und glauben, dass die Erdbeere auf dem Joghurtdeckel auch wirklich im Becher ist.” Wer Capri Sonne oder Joghurette kauft: selbst schuld! Sicher, Herr Kocks, als mündige Bürger haben wir die Pflicht uns zu melden, wenn und etwas nicht passt. Mache ich hiermit und ich hoffe, dass das Thema in naher Zukunft mal etwas netzwertiger wird. Ich muss Herrn Bode nämlich vorwerfen, dass er schlecht beraten ist, wenn er die Nähe zur Politik sucht (zum Beispiel zu Ex-Weinkönigin Julia Klöckner), die entsprechende Gesetze auf den Weg bringen soll. Er als Person und hinter ihm seine Organisation und dessen Unterstützer als statische Interessengruppe werden nicht ausreichend an Einfluss gewinnen können, wenn man so weiter macht wie bisher.
Foodwatch.de sollte dem Anliegen nach die größte deutsche Web-Community zum Thema sein, in der alle bloggen was das Zeug hält und im Netz so den mündigen Verbraucherschutz organisiert. Seit ein paar Tagen wird immerhin schon getwittert – wir schauen mal zu, was sich da so tut. Das Thema Verbraucherschutz ist nicht weniger drängend als die Diskussion um Internetsperren und eine wirksame Bekämpfung der Kinderpronographie. In Netzfragen ist die Netz-affine Community Experte und hat mit der Online-Petition Schlagkraft bewiesen. Aber die Mittel sind für jeden zugänglich, die Rezepte für einen Aufstand ganz einfach: Schlechte PR für schlechte Produkte. Breitgestreut in Blogs, Foren und Twitterfeeds. Und zwar so lange, bis der Link zu der entsprechenden Firmenwebsite (z.B. Nestlé oder Ferrero) auf der ersten Seite der Google-Suchergebnisse umzingelt ist von kritischen Meldungen zu deren Produkten. Dann kommt der Moment, wo das Unternehmen nicht mehr anders kann als mit den Käufern zu reden, und zwar unter anderen Vorraussetzungen als mit der verseilschafteten Politik. Funktioniert hat das hervorragend das im Falle des Computerherstellers Dell. Wer zu diesem Thema ein bißchen Feuer fangen will, dem empfehle ich die Lektüre von “Was würde Google tun?” von Jeff Jarvis.
Blogs sind keine Tagebücher und Twitter keine heiße Luft. Das Wahljahr hält diesbezüglich noch die ein oder andere Überraschung bereit, da bin ich mir sicher. Wäre doch toll, wenn man mal dafür sorgt, dass der königliche Kunde nicht mehr ganz so oft verarscht wird. Ja, wir können es, wie der Amerikaner so schön sagt.
Kommentare (2)
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Weitere verdeckte Preiserhöhungen gibt es bei http://www.verdeckte-preiserhoehungen.de
Dort kann man auch selber Preiserhöhungen einstellen oder andere kommentieren.