
Kinder Tyrannen, Eltern Weicheier: Fehlt die harte Hand?
Dieser Frage gingen gestern Abend in der ARD die unvermeidlichen Michael Winterhoff (Tyrannosaurus), Bernhard Bueb (Brennen muss Salem), Petra Gerster (ruft bereits seit 2002 den Erziehungsnotstand aus), Anna Wintzer (Hat in den 60ern den Kinderladen miterfunden), Micha Brumlik (der einzige Wissenschaftler in der Runde) und der überraschend solariumgebräunte, deswegen aber nicht weniger unerträgliche, Ingo Appelt, der es geschafft hat drei Kinder zu zeugen und ansonsten weiterhin Quatsch redet, nach.
Gerster und Appelt dürfen eröffnen und sind sich einig, dass sich die Männer schon seit Jahren aus der Erziehung zurückgezogen haben. Außer natürlich Ingo Appelt. Der findet seine Frau ginge zu “emotionalisiert” mit den Kindern um, die ja sowieso schon in ganz frühen Jahren mit ihrem gezielten Geschrei das Tyrannenzepter schwingen. Nach belanglosen zehn Eröffnungsminuten kommen endlich die vermeintlichen Experten dazu.
Anna Wintzer muss sich erst mal gegen einen eigentlich schon totgesendeten Klischee-Ausschnitt aus einem Kinderladen der 68er Jahre rechtfertigen und bleibt ansonsten extrem gelassen gegen alle provokant gestellten Fragen. Ebenso verhällt sich Bernhard Bueb, den man wohl gezielt neben Frau Winter gesetzt hat um für ein bisschen Unruhe zu sorgen. Doch mit altersweiser Gelassenheit entdeckt er sogar Parallelen zwischen seinen Internatsregeln und Wintzers Kinderladen.
Weiter zu Micha Winterhoff, der mit seinen zwei Büchern ja seit 2008 die Bestsellerlisten besetzt und seinem Counterpart Micha Brumlik, der eigentlich eine Streitschrift gegen Buebs Thesen verfasst hat, sich aber auch ganz gut am Tyrannenexperten reiben kann. Winterhoff bleibt jedenfalls relativ blass und fasst noch mal den Inhalt seiner Bücher zusammen, hatte aber ansonsten nicht viel beizusteuern. Klappentext halt.
Auf das einzig greifbare Gegenargument von Brumlik, er, Winterhoff, sei ja Kinderpsychater und habe deshalb logischerweise täglich mit psychisch auffälligen Kindern zu tun, woraus man aber keinesfalls Rückschlüsse auf die Gesamtbefindlichkeit einer Kindergeneration schliessen könne und Winterhoffs Erfahrungen dadurch lediglich anekdotischen Charakter zugesteht, setzt Winterhoff nichts Greifbares entgegen.
Hier hätte es die Chance gegeben die Diskussion auf ein sachliches, wissenschaftlich fundiertes Level zu heben. Was aber aber wohl vom Rest der Runde nicht gewünscht war und von Brumlik mit seinen besserwisserischen Einwürfen (“Kennen sie das Robert-Koch-Institut?”) leider auch nicht gerade gefördert wurde.
Den einzig praktischen Tipp, den man als ratsuchender Elternteil mitnehmen konnte, musste man sich mühsam aus dem Haufen gefühlter Ansichten und wiederaufbereiteter Klischees, die seit Jahren im Durchlauferhitzer der Erziehungsratgeber hochgekocht werden, selbst heraussuchen: Vertraut auf euren Instinkt.
Die ganze Sendung gibt es in der ARD-Mediathek.








Klingt so, als hätte Michel Friedman gefehlt, um die Sache bisschen anzuheizen. Siehe hier: http://fernsehkritik.tv/tv-magazin/#id-920
Das Traurige an dieser Sendung war zum einen, dass es unter all den Sprechfiguren, die da Erziehungs-Rethoriken performten, nur eine einzige wirkliche Stimme, Präsenz und Art zu sprechen gab: eben die von Anna Wintzer; ausgesucht für die Rolle der Antiautoritären.
Nicht nur war sie die einzige, die fähig war, die anderen nicht zu unterbrechen und immer ausreden zu lassen (auch, wo sie selbst von ihnen unterbrochen wurde, was ziemlich oft vorkam), sondern sie war auch die einzige, die unter “Erziehung” offenkundig etwas völlig anderes verstanden hat als Ausbildung & Anleitung zum Zähneputzen, Tischdecken und Mundhalten wenn es sich gehört.
Deutlich wurde die unterschiedlichen Interessen an kleinen Beispielen:
Auf die aufgeregte Frage etwa, zu welchen Unfällen es denn wohl führen würde, wenn man den Kindern beim Frühstück gerade nicht vorgibt, wohin ein Glas zu stellen ist (nicht an die Tischkante!), als Anna Wintzer erwähnte, dass neue Prakikanten in ihrem Kindergarten “Nicht-Intervenieren” immer erst mühsam lernen müssten: 1 Euro Strafe in die Eiskasse, wenn man ein Kind zurechtweist.
In den folgenden Tumult der Erziehungstheoretiker sagte sie dann nämlich den schönen Satz:
“Aber man nimmt ihnen doch sonst ihre ganze Arbeit weg!”
… Und eben diese Auffassung: dass es beim Erziehen gerade n i c h t darum geht, die Unverzichtbarkeiten bürgerlicher Wohlgeordnetheit (Zähne geputzt, Glas nicht zerbrochen, Mund zum richtigen Zeitpunkt zu) einzuschleifen, sondern vielmehr darum, einer sich formenden Intelligenz und Weltanteilnahme auf aufmerksame und faire Art das umfassenst mögliche Lernen zu ermöglichen – das war und ist s o w e i t von heutigen vorauseilender Apassungs-Gehirnwäsche entfernt, dass nicht einmal Moderatorin Maischberger ein einziges Mal in der Lage war, eines der vielen Denkangebote von Frau Wintzer aufzugreifen.
Es ging v.a. i n der Herrenrunde immer nur kleinteilig um nicht geputzte Zähne, einzuhaltende Uhrzeiten, Tischkanten und Rechthabensformen.
(Bei letzterem taten sich die Gentleman besonders hervor. Der feinste und entspannteste von ihnen war in den Umgangsformen tatsächlich der als autoritäre Autorität besetze Herr Bueb.)
Schade, dass Maischberger selbst auch nur noch denken kann, was Massenmedien-klischees uns stereotyp vorkauen:
z.B. dass es einer antiautoritär erziehenden Mutter gewiss nicht froh machen kann, wenn ihr Kind andere Berufe wählt, als sie selbst sie sich hätte ausdenken können oder wollen. …Dabei war Frau Wintzer die Freude und Rührung angesichts ihres großartigen Sohnes, der wirklich seinen ganz eigenen Weg hat finden können (und wollen wie dürfen), so rührend deutlich anzumerken!
Frau Maischberger aber konnte wieder nicht anders, als Klischee-Polarisierungen loszuwerden: ..ist es gewiss nicht schön für eine .. wenn das Kind dann… musste sie als Schlusswort zu Frau Wintzer lancieren, nfähgi auf das Gesagte wirklich zu reagieren. ein Hoch auf Journalisten die noch zuhören: hier gab es nämlich keine…
Was kann man da als Angesprochene noch anderes tun, als sich in den Sessel zurücklehnen und versuchen zu entspannen..
Ich empfehle diese Sendung als Studie zum aktuellen und trübsinnigen Backlash: der es uns völlig unnötig und unmöglich macht, über Erziehung anders denn als großes und nötiges Projekt der Kondittionierung zur bürgerlichen Effizienz zu reden; und, fatalerweise, dann auch genau das anzustreben – und allen anderen Möglichkeiten mit kindlicher Energie, Weltelan und neugieriger offener Intelligenz ihnen menschlich zugewandt umzugehen, vorzuziehn.
Eh bien: Erziehen wir also!!!
Da ist dann sicher ein Ratgeber so gut wie der andere…
Schön gebrüllt. Kann deinen Ausführungen größtenteils zustimmen. Ohne jetzt schon langjährige Erziehungserfahrungen zu haben, aber der Hang zur erwachsenenkonformen Konditionierung von Kindern beginnt in großen Teilen der Amazon-Hitlisten-Erziehungsliteratur bereits im ersten Monat und zeigt sich u.a. in unsäglichen “Schreien-lassen-mit-der-Sanduhr-Messmethoden” beim Frischgeborenen, das partout nicht alleine in seinem vermalledeiten Bettchen schlafen will. Und sowas setzt sich dann natürlich in anderen Beispielen fort. Wer das Kind so früh wie möglich zu nach scheinbar wichtigen gesellschaftlichen Regeln zurecht ziehen will, raubt ihm einiges.
Mir kam bei der Gestaltenparade zu allererst in den Sinn, dass der Herr Bueb da doch wirklich nichts zu suchen hat. Er erzieht Menschen, die beruflich mal sehr (ich meine sehr) erfolgreich sein sollen, so zumindest wünschen sich das die Eltern. Und natürlich werden die Abgänger zum großen Teil in der Wirtschaft schnell nach oben getrieben werden. Aber das ist ein Typ Mensch, der insgesamt in der Gesellschaft in der Minderzahl ist und die Erziehungsmethoden, die die Wirtschaftselite genossen hat, sind sehr wohl auf ihren weiteren Weg zugeschnitten. Und da möchte ich doch mal sagen: lass die mal machen, aber lasst mich in Ruhe mit euren Methoden. Und noch einmal: Strafe ist keine erzieherische Kategorie, sondern eine Ausweg für Erzieher mit wenig Fanatsie oder schwachen Nerven. Aber das solls ja geben.