Pendelpauschale
Als kinderloser Anfangsdreißiger denkt man noch, das wichtigste, wenn der kleine Quäker da ist, ist Regelmäßigkeit und Disziplin, damit die kleine Kröte erst gar nicht auf die Idee kommt das Tyrannenzepter zu schwingen. Als Nichtphysiker glaubt man aber auch einen Fahrstuhlabsturz zu überleben, wenn man kurz vor dem Aufprall in die Luft springt.
Schnell stellt man fest, dass der kleine Mann wenig Lust hat auf obige Tugenden und dank naturgegebener Eigenschaften wie dem beständigen Brüllen und dem nervigen Nörgeln, aber auch dem gurrenden Glucksen und dem lustigen Lachen am weitaus längeren Hebel sitzt. Bestärkt durch kompetentes Hebammenwissen, dass Kinder dieser Gewichtsklasse noch keinerlei böswillige Weltherrschaftspläne schmieden und einfach nur ihre noch sehr grundsätzlichen und unkoordinierten Bedürfnisse Essen, Schlafen, Kacken, Fernsehen, Zuwendung befriedigt haben wollen, stellt man sich regelmäßig auf neue Tragevorlieben, Einschlafpositionen und Lieblingsmusikstars ein, passt Strategien und Zeitpläne an und alle leben glücklich bis an ihr Lebensende zum ersten Zahnen.
Das, da ist sich die Internet-Fachwelt relativ einig, beginnt meist so ab dem sechsten Monat. Und Recht hat es, das Internet.
Mit dem Zahnen begibt sich das Baby, um es mit Walter Sobchak zu sagen, in die Welt des Schmerzes, in der sämtliche bisher erprobten Beruhigungsstrategien offenbar nicht mehr wirken.
Gegen die Qualen, die die vor dem Durchbruch stehende Zähne verursachen, scheinen alle Folter-Porn-Filme der letzten fünf Jahre Disney-Quatsch. Helfen dann auch die kinderärztlich verordneten homöopathischen Minipillen nichts, bleibt als letzte Hoffnung der Notapothekendienst. Dort muss es den richtig harten Stoff für nächtliche Notfälle geben. Das Morphium für die Genration Schnuller.
Nicht so in einer Apotheke im Münchner Stadtteil Haidhausen.
Auf meine Nachfrage, nach dem von bekannter Seite empfohlenen Nelkenöl returniert erst mal erschrockenes Entsetzen durch das Notapothekergucklochfenster. Viel zu stark, schon seit Jahren nicht mehr, Totenkopf auf der Flasche, nicht gut.
Die Apothekerin zählt ein paar pflanzliche Mittel und Paracetamol auf, stutzt kurz und meint dann, wenn ich ihr Name und Geburtsdatum des Babys sagen würde, könne sie über den Energiefluss das geeignete Mittel bestimmen. Ich stutze ebenfalls kurz, bin aber höflich und nenne ihr die Daten wie gewünscht.
Sie kritzelt die Informationen auf einen Zettel, geht nach hinten und kommt alsbald mit einem Stapel Präparaten zurück. Ich versuche einen Blick nach drinnen zu erhaschen, mit welchem technischen Gerät sie wohl den Energiefluss bestimmt und bin mir zunächst nicht ganz sicher, dann aber doch.
Sie schwingt ein Pendel.
Zuerst über dem Zettel, dann nacheinander über den Arzneipackungen.
Zufrieden kehrt sie zurück und erläutert mir das Resultat. Drei Präparate, eines davon eine selbstgemixte Tinktur, nach dem Rezept eines mittlerweile in Rente lebenden Kinderarztes, zu dem verzweifelte Eltern heute noch nach Bad Aibling fahren. Glücklicherweise bleibt mir dieser Weg erspart.
Ich bedanke mich mit ernster Mine für die Beratung und füge noch die höflich interessierte Nachfrage hinzu, sie sei ja offenbar recht offen für sehr, sehr alternative Diagnose -und Heilmethoden und ich hätte gehört bei dererlei Zahnproblemen helfe manches mal auch das Anbringen eines Bernsteins am Kindsleib und ob sie das denn auch empfehlen würde. Sie zögert nicht und pendelt kurzerhand, ohne im Besitzt eines Bernsteins zu sein, zu Tage, dass diese Methode speziell bei meiner Brut wenig Erfolg verspricht. Und außerdem sollen wir beim nächsten Impftermin darauf achten, dass der Mond abnehmend steht.
Derart gut informiert bezahle ich beruhigt das Dope und bekomme von der hundert Meter entfernt am Orleansplatz spielenden Tanzkapelle noch den Ohrwurm Hello, Mary Lou auf die Nacht eingepflanzt.
Bei der Verabschiedung werfe ich kurz einen Blick auf den Zettel mit den Kindsdaten. Wenn jemand ein zahnendes Kleinkind hat und zufällig Dilinsky mit Nachnamen heisst: wir hätten da ein paar gut ausgependelte Pülverchen zu verkaufen, für die manch Elternpaar bis nach Bad Aibling fahren würde.